Dunkerque (Grande-Synthe)

Kaum schützende Zelte oder sanitäre Anlagen, Behörden, die den Helfern und den Geflüchteten das Leben schwer machten, Verachtung der Nachbarn im Dorf und Bilder von Kindern, die im knöchelhohen Schlamm spielten. Diese Bilder werden bei uns allen im Gedächtnis bleiben. Das Schlimmste ist, dass es nicht Bilder aus der Vergangenheit sind, sondern bis zum heutigen Tag die Realität für viele Flüchtende in Nordfrankreich. Wir von Open Borders Caravan Bern waren im Verlauf des letzten Jahres in einem dieser Lager vor Ort. Ein paar Kilometer vom berüchtigten „Jungle“ in Calais entfernt haben wir in einem kleineren, aber nicht weniger von Tragik geprägten, Lager mitgeholfen. Da wir alle wieder in der Schweiz sind und die nächsten Schritte planen ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um auf unsere Zeit im sogenannten „Little Kurdistan“ zurückzublicken. Auf die generelle Lage und die Erinnerungen und Emotionen, die uns immer noch prägen.

Mitte Dezember 2015 reisten die Ersten von uns nach Dunkerque. Dort harrten geschätzte 3000 Flüchtende im Schlamm aus und warteten auf eine Chance nach England zu kommen. Dabei war auch unser Langzeithelfer Kusi, der schlussendlich am längsten in Dunkerque blieb. „Am Anfang war das Flüchtlingscamp in Grande-Synthe, in der Nähe von Dunkerque. Ich arbeitete während fünf Wochen im Camp und zu keiner Zeit war Hilfe vom Staat zu sehen. Es hatte keine Strassen und vielleicht 25 WCs für zu Höchstzeiten fast 3000 Menschen. Wir haben gekocht, Essen verteilt, Strassen gebaut, Zelte aufgestellt und Zeit mit den Familien verbracht.“
In Dunkerque schlossen wir uns mit„Rastplatz“ zusammen. Die Basler Hilfsorganisation hatte im Lager ihre Küche aufgebaut und kochte für das ganze Camp. Sie hatten auch diverse Werkzeuge und Baumaterial dabei, dass man jedoch wegen dem Bauverbot im Lager durch den Wald schmuggeln musste. Über die Monate hinweg versuchten wir das Lager so menschenwürdig wie möglich zu gestalten. Im Dezember sprach man zum ersten Mal von einer Umsiedlung in ein neues Lager mit geheizten Hütten, weniger Schlamm und ausreichend sanitären Anlagen. Die Umsetzung dieser Idee dauerte bis im März und so mussten die Menschen den kalten Winter im Schlamm verbringen. Kusi war während dieser Zeit fast ununterbrochen in Grande-Synthe und konnte über die Umsiedlung erzählen. „Etwa zwei Kilometer entfernt wurde ein neues Camp von Médecines Sans Frontières finanziert und aufgebaut. Dort haben sie Strassen, Hütten mit Heizungen, Licht von Solaranlagen und mehr WCs. Eine neue Küche hat es auch, aber da bin ich nicht wirklich auf dem neusten Stand.“
Trotz einigen Zwischenfällen verlief die Umsiedlung durchaus friedlich. In Grande-Synthe wurden bei der Räumung keine Bulldozer oder fragwürdig aggressive Polizisten eingesetzt, wie im Gegensatz zur von vielen Seiten kritisierten Teilräumung des Calais Dschungel. Das Camp ist nun komplett umgesiedelt und vom ehemaligen „Little Kurdistan“ bleibt nur noch ein Schlammfeld, dass nun zu einer neuen Wohnsiedlung umgebaut wird. Die Ironie ist kaum zu fassen.

Schlussendlich reisten wir mit gemischten Gefühlen nach Hause. Niemand wollte diese Leute im Stich lassen. Da die meisten von uns begrenzt Zeit hatten, mussten wir auch irgendeinmal “Little Kurdistan” verlassen. Der Abschied war immer voller Emotionen und man kam mit einem Kopf voller Gedanken an Grande-Synthe nach Hause. „Auch wenn es emotional sehr anstrengend war und mich all ihre Geschichten mitgerissen haben, hat es mich sehr bereichert und ich konnte eine starke Bindung zu den Menschen aufbauen. Dort hatte es Menschen mit jedem Bildungsstand und verschiedensten Berufen. Ganz normale Berufe, wie hier in der Schweiz. Diese Menschen wurden aus ihrem Leben gerissen und müssen innert Monate plötzlich in so einem Scheiss leben,“ sagt Kusi über seine Zeit in Dunkerque. Nun bleiben nur noch Erinnerungen, gute, wie die Liebe zu den Menschen, sowie schlechte, wie die Verzweiflung oder Wut über die Behörden, wenn wir vom Slum mitten im nördlichen Frankreich sprechen.

Somit ist die Arbeit von Open Borders Caravan Bern in Grande-Synthe beendet. Momentan planen wir einen Einsatz in Sizilien. Sollten sich die Fluchtrouten an die Adriaküste verschieben, werden wir dort helfen, wo es gerade am nötigsten ist.

Wir hören erst dann auf, wenn es unsere Hilfe nicht mehr braucht.

Schlamm im Camp
Sprayerei am Hauptzelt
Camp Zentrum
Küchen / Distributionszelt

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