Calais

Calais – Das Nadelöhr für Flüchtende

Leute von uns sind immer mal wieder in Calais. Hier ein Erlebnisbericht eines Helfenden.

Schon seit über 15 Jahren sammeln sich flüchtende Menschen aus verschiedensten Orten in Calais an, mit der Hoffnung auf die nahe gelegte Insel des Vereinigten Königreichs zu gelangen. Calais, eine unscheinbare kleine Hafenstadt, an dem engsten Teil der Strasse von Dover, gerade mal 34 km von England entfernt, zeigt sich als entscheidende Transitstadt für Flüchtende. Bei guter Sicht sieht man vom Hafen aus die Küste von Dover aus dem Wasser ragen. Zwei wesentliche Verbindungen zwischen Calais und England lassen die Menschen auf der Flucht auf ein besseres Leben hoffen. Da wäre der Eurotunnel, der nähe Calais unter dem Ärmelkanal bis nach England führt und der Fährenbetrieb, der ca. 40 mal täglich Passagiere, Autos und Lastkraftwagen über den Ärmelkanal transportiert.

Durch die Flüchtlingskrise lebten Ende 2015 bis zu 6000 Menschen in einer Zeltstadt in der Nähe von Calais, welche als „Dschungel von Calais“ bezeichnet wurde. Der Dschungel wurde Ende Oktober geräumt und die Menschen wurden in verschiedene Asylzentren in Frankreich verteilt, was jedoch nicht lange anhielt. Schon zwei Monate nach der Schliessung sammelten sich wieder Flüchtende in Calais, u.a. auch solche, die schon im Dschungel waren. Was aus dem Dschungel geworden ist

 

Die Regierung in Calais war strikt gegen eine neue Bildung eines Camps und versuchte dies auch rigorose zu verhindern. Dennoch kamen die Flüchtenden Menschen vielzählig wieder nach Calais zurück. Es entstand eine schwierige Situation. Auf einer Seite versuchte die Regierung Struktur in die Situation in Frankreich zu bringen, indem sie durch staatliche Machtausübung die Flüchtenden davon abhalten wollten, sich in Calais aufzuhalten. Auf der anderen Seite zeigte sie immer wieder ihr Unvermögen, die Situation in Calais in den Griff zu bekommen. Die Tatsache, dass diese Menschen in Calais sind und in einer vulnerablen Situation stecken, bedeutet, dass ihnen erstmals das Minimum zum Überleben gewährt werden muss und dies unabhängig von migrationsethischen Überlegungen und Argumenten. Wenn die Regierung nicht imstande ist, in solchen Situationen humanitäre Räume und Strukturen zu schaffen, tun sich Menschen zusammen, organisieren sich und übernehmen diese Aufgaben. Dies kann in Zusammenarbeit mit der Regierung geschehen oder wie so oft auch gegen die Regierung – die Würde der Person ist ein höherer Wert als die Einhaltung von Regeln, die der Staat anwendet oder anzuwenden verlangt.

In Calais haben sich verschiedene Organisationen zusammengeschlossen um die prekäre Lage zu verbessern. Die Kooperation bestand aus l’Auberge des Migrants, Help Refugees, Refugee Community Kitchen, Refugee Youth Service, Refugee InfoBus und Utopia 56. Zudem waren zwei Freiwillige von uns (Open Borders Caravan Bern) über zwei Wochen lang die Organisationen am unterstützen. Die Hauptaufgabe war es ca. 600 Flüchtende mit dem Minimum zu versorgen wie mit Essen, Trinken, Kleidern und Schlafsäcken. Um das zu ermöglichen, konnte über Spendengelder zwei Lagerhallen in Calais gemietet werden. In einer wurde die ganze Küche installiert und in der anderen wurden die ganzen Kleider und sonstiges Material wie Zelte und Schlafsäcke deponiert. In der Kleiderlagerhalle wurden Kleider akkurat nach Grössen und Angemessenheit aussortiert. Den weiblichen Flüchtenden wurden z.B. keine lasziven Bekleidungen ausgehändigt. Es wurde aber immer darauf geschaut, dass die Ansprüche und Vorstellungen der Flüchtenden so gut wie möglich abgedeckt werden konnten. Das Interesse an engen Jeans war bei den jungen Männern beispielsweise sehr gross, somit wurde geschaut, dass solche engen Jeans im Lager gesammelt und dann mit zur Verteilung gelangten.

 

Aussortieren und ausmessen der Kleider
Schlafsäcke und Zelte – die Nächte sind wirklich kalt in Calais

 

 

 

 

 

 

 

In der Küche wurden pro Tag ca. 2000 Menüs gekocht! Es wurde von morgens bis abends geschnipselt, gekocht und abgewaschen. Die Qualität des Essens war super. Es gab oft Reis mit Gemüse, Fleisch und Salat. Sobald die Menüs fertig gekocht, verpackt und transportbereit waren, wurden sie zwei bis dreimal täglich an verschiedene Orte gefahren. Ein Verteilungspunkt war in Calais ein anderer in Dunkerque, welches ca. 40 km nordöstlich von Calais liegt (In Dunkerque haben wir auch einmal einen Einsatz geleistet). Es wurden auch Menüs punktuell verteilt, indem Utopia 56 mit Kleintransportern versuchten die Flüchtenden zu erreichen, die es nicht zu den Verteilungspunkten geschafft hatten. Dadurch, dass die Polizei immerzu versuchte zu verhindern, dass sich die Flüchtenden zu lange an einem Ort aufhalten, mussten sie ständig den Ort wechseln. Die Verteilung der Menüs lief grösstenteils friedlich und gut koordiniert ab, was nicht selbstverständlich ist, denn eine Verteilung von Essen an bis zu 300 Menschen (Verteilungspunkt Calais), die grösstenteils frustriert und desillusioniert sind, kann auch mal aus dem Ruder laufen.

 

 

Spass beim Kochen
Essensausgabe am Verteilungspunkt Calais

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Motor dieser wunderbaren Arbeit waren die freiwilligen Helfer*innen, die aus der ganzen Welt kamen, um praktische Solidarität zu leisten. Es waren Menschen aus den USA, aus Indien und ganz Europa mit dabei. Gewisse nur für zwei Tage andere für zwei Monate. Alle Altersgruppen von 16-Jährigen bis über 50-Jährige Helfer*innen waren dabei und jede*r hatte ihre/seine eigenen Beweggründe. Manche hatten sich kaum mit der Situation auseinandergesetzt, andere absolvierten ein Praktikum und wieder andere lebten dauerhaft in Calais, um mitzuhelfen. Es war beeindruckend, wie diese Kooperation funktionierte, wie die freiwilligen Helfer bis zum Schluss motiviert mithalfen, obwohl es ihnen immer freistand zu gehen wann immer sie wollten. Es herrschte meistens ein sehr angenehme Stimmung in den Lagerhallen und an den Verteilungspunkten. Es wurde viel gelacht, getanzt und geweint und dass nicht nur den Zwiebeln wegen.

Die ganze Aktion wurde jedoch immer wieder von ärgerlichen und traurigen Ereignissen überschattet. Die Polizei in Calais griff immer wieder zu Aktionen, die unverständlich und unhaltbar sind. Während den Verteilungen des Essens kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Helfenden. Bei einer Verteilung von Utopia 56 tauchte die Polizei plötzlich auf und besprühte das Essen mit Pfefferspray, was dadurch ungeniessbar wurde. Die Polizei setzte auch wiederholt Pfefferspray gegen Flüchtende in Situationen ein, in welchen weder gefährliches noch aufständisches Verhalten von ihnen ausging. Der Einsatz von Pfefferspray wurde gebraucht bzw. missbraucht, um die Flüchtenden dazu zu bringen das Areal zu verlassen. Solch hinterhältige Aktionen der Polizei geschahen auch während die Flüchtenden schliefen, indem die Polizei gezielt die Schlafsäcke besprühte. Q: infosperber.ch und hrw.org

 

Natürlich sind die Menschen und die Polizei von Calais frustriert und überfordert mit der Situation, dennoch sind solche Aktionen der Polizei inakzeptabel, verstossen gegen die Menschenrechte und tragen wenig zur Lösung bei.

Alles in allem war es eine bewegende Erfahrung. Eindrücklich, was für Kräfte entstehen können, wenn sich Menschen zusammenschliessen und nicht warten, bis die Veränderung von oben kommt.

„Die Grenze ist eben nicht einfach eine „räumliche Tatsache“, sondern eine soziale, „die sich räumlich formt“ – Georg Simmel

Wenn wir von Calais erzählen, werden wir immer wieder gefragt, wieso den die Flüchtenten nach England und nicht lieber in Frankreich bleiben wollen. Hier sind fünf Gründe:

Fünf Gründe weshalb Flüchtende nach Grossbritannien wollen:

  • Asylkrise in Frankreich: Frankreichs Asylsystem wird heftig kritisiert. Bearbeitungszeiten sind lang und es gibt für weniger als die Hälfte der Asylbewerbern Platz in Unterkünften. Deshalb sitzen selbst Asylsuchende mit legalen Papieren auf der Strasse. Viele Geflüchtete stellen daher erst gar keinen Asylantrag.
  • Wirtschaftliche Lage: Die Länder Südeuropas, wo viele Flüchtende als erstes ankommen, leiden unter hoher Arbeitslosigkeit. Auch Frankreich meldet immer wieder Höchstwerte. In Grossbritannien liegt die Arbeitslosenquote mit 5.4 Prozent nur gut halb so hoch wie auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Migrant*innen hoffen dort leichter Arbeit zu finden. Da es in England kein Meldegesetz gibt, hoffen viele auch, leichter als anderswo untertauchen und schwarz arbeiten zu können.
  • Asylbedingungen in Großbritannien: In England wurden im vergangenen Jahr 41 Prozent aller Asylanträge genehmigt. Dies ist ein deutlich höherer Anteil als in Deutschland und Frankreich. Auch sind die Bearbeitungszeiten kürzer. Allerdings schafften es auch viel weniger Asylsuchende ins Land. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz betonen, das britische Asylgesetz sei ebenso streng wie anderswo.
  • Sprachbarriere und Community: Viele Flüchtende fällt es leichter Englisch zu sprechen, als etwa Französisch zu lernen. Manche hoffen, dass Freunde, Familie oder Landsleute in Grossbritannien ihnen helfen. In Ballungszentren wie London oder Birmingham gibt es bereits grosse afrikanische und arabische Gemeinschaften.
  • Unwissen: Vielen Migrant*innen kennen die Asylregeln in der EU nicht und wissen nicht, wo sie Unterstützung finden können. Viel läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Bei zahlriechen Flüchtenden, mit denen der Secours Catholique sprach, waren Empfehlungen anderer Migranten ausschlaggebend für den Wunsch, nach Grossbritannien zu gelangen. Q: rp-online.de

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