Bericht

Calais/Dunkerque 2018

Wir fahren in das Camp hinein, ich lasse das Fenster herunter und werde mit einem freundlichen «Welcome» begrüsst. Die Kinder laufen neben dem Wagen her, lachend, freche Grimassen schneidend, unschuldig. Wir fahren vorbei an den notdürftigen Zelten, wo die Familien zusammensitzen und uns mit einem Lächeln begrüssen. Wir nehmen die Stühle und unsere Arbeitsmaterialien aus dem Auto, bereiten alles vor um die Menschen mit medizinischer Hilfe zu versorgen. Ein altbekanntes Gesicht kommt heran gelaufen, ich freue mich ihn wieder zu sehen, ich freue mich einen Freund wieder zusehen. Als ich ihm seine Wunde an der Hand wie jeden Tag neu verbinde, frage ich ihn wie es ihm geht. Er schaut mich an und sagt das er okay sei. Doch seine Augen erzählen etwas anderes. Sie erzählen die Geschichte eines Jungen, der seine Familie, seine Heimat verlassen musste und sich wohl auf die schwierigste Reise seines noch so jungen Lebens begeben hat. Nach eisigen Nächten ohne Obdach, viel zu vielen Tagen ohne Essen und unzähligen Gewalttaten seitens der Polizei in all diesen verschiedenen Ländern, erreicht er Deutschland. Er glaubt sich in Sicherheit, lernt die Sprache, bildet Freundschaften, beginnt sich ein neues Leben aufzubauen. Nach mehr als zwei Jahren kommt der Niederschlag per Post. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er muss das geliebte Land verlassen. Er macht sich auf den Weg Richtung England und strandet in Dunkerque, Frankreich. Wieder beginnt ein Leben in Zelten, ausgeliefert an die Willkür der Polizeigewalt, ständig in Angst. Tag für Tag verbringt er in diesem riesigen Camp, steht stundenlang Schlange um ein secondhand T-shirt zu ergattern, um die warme Mahlzeit am Tag zu erhalten. Nacht für Nacht klettert er in Lastwagen, versteckt sich in ihnen, unter ihnen, wo sich gerade Platz bietet und versucht so nach England zu kommen. Nacht für Nacht riskiert er sein Leben. Mit jedem Tag der vergeht, verliert er Zeit seiner doch so wertvollen Jugend. Wir schauen uns in die Augen und wissen beide, dass dieses «okay» nicht der Wahrheit entspricht. Es bricht mir das Herz zu sehen, wie ein Junge in meinem Alter sein Leben so verbringen muss.

Als wäre es das Normalste der Welt, steht dies auf den Autobahnen um Calais und Dunkerque.

 

Seit der grossen Räumung in 2016 hat sich viel verändert, doch leider nicht zum Positiven.
Momentan leben in Calais verteilt auf vier Camps um die 500 – 700 Menschen, darunter viele unbegleitete Minderjährige. In Dunkerque leben in einem grossen Camp über 1’300 Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, die Jüngsten nur wenige Monate alt.
Bereits seit langer Zeit werden die Camps regelmässig geräumt. Dies bedeutet, dass die CRS (Bereitschaftspolizei) kommt und Zelte, Decken, Kochmaterial, Kleider – kurz alles was sie besitzen – mitnimmt. In Calais findet dies seit gut zwei Monaten jeden zweiten Tag in jedem Camp statt. Sie kommen morgens, wecken die Menschen, zwingen sie aus den Zelten, falls nötig mit Gewalt und nehmen ihnen ihr Hab und Gut. Viel zu oft kommt es dabei zum Einsatz von Tränengas, Pfefferspray oder körperlicher Gewalt.
In Dunkerque kommt es häufiger zu grossen Räumungen, wo die Menschen in Busse verfrachtet werden ohne dass sie das Ziel kennen. Sie werden dabei in immer unterschiedliche Städte Frankreichs verfrachtet und in Hotels gesteckt, wo sie die Möglichkeit erhalten Asyl zu beantragen. Doch jedes Mal kamen die Menschen nach spätestens zwei Tagen zurück. Eins ist klar, sie wollen nicht in Frankreich bleiben, ihr Traum bleibt England. Wer kann es ihnen verübeln?
Frankreich zeigt sich seit Jahren von einer sehr gewaltvollen und rauen Seite. Die Stimmung in Nordfrankreich ist klar spürbar; Flüchtende wie auch Freiwillige sind nicht erwünscht.
In meiner Zeit in Nordfrankreich habe ich vieles gesehen, dass mich an der Menschheit zweifeln lässt. Von einem CRS der mich anlächelt, während er Zelte beschlagnahmte, obwohl es gerade regnet und kalt war, über die Grenzkontroll-Polizei, die nächtliche Schlägerbesuche in den Camps macht bis zu Spitälern die notwendige, medizinische Verpflegung gegenüber den Flüchtenden verweigern.

Räumungen in Camps in Calais von der CRS.

 

 

Und doch blicke ich zurück und glaube an die Menschheit.
In den vier Monaten als Volunteer in Dunkerque und Calais, habe ich so viele unglaubliche Menschen kennengelernt. Seien es all diese Volunteers, die Tag ein Tag aus all ihre Energie und Liebe in die Hilfe für diese Menschen einsetzen und sich gegen all die Steine wehren, die der Staat und das Volk ihnen in den Weg stellen. Oder all die Flüchtenden, die täglich für ihren Traum ein sicheres, gutes Leben aufzubauen kämpfen, sich nicht runterkriegen lassen und weiter machen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel Respekt ich für all diese Menschen habe.
Auch wenn die Situation in Nordfrankreich kaum mehr Aufmerksamkeit in den Medien erhält, bleibt es bittere Realität für Hunderte Menschen. Wir steuern geradewegs auf den Winter zu und es wird für die Menschen noch viel gefährlicher draussen ohne Schutz zu leben. Die Tragödie ist Realität und geschieht genau in diesem Moment. Stehen wir gemeinsam für die Menschen in Not ein, lassen wir sie nicht in Vergessenheit geraten!

 

 

Räumung des Camps um 10 Uhr bei strömendem Regen.

 

Dank eurer Unterstützung, konnten wir in Calais und Dunkerque für über 2’000 CHF medizinisches Material, Wasser und Nastücher besorgen. Dies wurde täglich direkt an die Flüchtenden verteilt.
Damit wir solche Einsätze weiterhin leisten können, sind wir auch weiterhin auf eure Hilfe angewiesen. Sei es mit einer Geldspende oder einer gespendeten Decke, es wird jemandem in der Not helfen.

Für Sachspenden:
Das Sonnenhaus nimmt jeden Samstag zwischen 13.00 und 16.00 Sachspenden entgegen.

Für sonstige Spenden:
IBAN: CH088 1488 0000 0751 6149
OpenBordersCaravanBern
3427 Utzensdorf
Raiffeisen Bern

See you in UK!

 

 

Organisationen mit denen ich in Calais gearbeitet habe (klickbare Links):
L’Auberge des Migrants, RCK, Schoolbus, Utopia56, Infobus, RefugeeYouthService, SALAM Calais, FAST – FirstAidSuppotTeam, Care4Calais

Organisationen in Dunkerque:
FAST, MobileRefugeeSupport, Women and Children Center

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